Expert:innen-Interviews
Bewegung ist Medizin – doch was sagt die aktuelle Wissenschaft dazu? In unserer Interviewreihe sprechen wir mit ausgewiesenen Expertinnen und Experten aus Sportmedizin, Wissenschaft und Gesundheitswesen über aktuelle Erkenntnisse, praktische Empfehlungen und die Bedeutung körperlicher Aktivität für Prävention, Therapie und Rehabilitation. Ziel ist es, wissenschaftlich fundiertes Wissen verständlich aufzubereiten und Impulse für den Alltag sowie die medizinische Praxis zu geben.
„Bewegung sollte so selbstverständlich sein wie Zähneputzen – aber mit Freude statt Druck“
Interview mit Prof. Dr. med. Dr. Christine Joisten, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP)
Bewegung ist ein zentraler Baustein für ein gesundes Aufwachsen. Prof. Dr. med. Dr. Christine Joisten ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) sowie Leiterin der Abteilung Bewegungs- und Gesundheitsförderung am Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft der Deutschen Sporthochschule Köln. Als Fachärztin und Wissenschaftlerin beschäftigt sie sich insbesondere mit Bewegungsförderung, Prävention sowie der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Im Interview erläutert sie, warum regelmäßige körperliche Aktivität bereits in jungen Jahren entscheidend für eine gesunde Entwicklung ist.
Warum ist Bewegung gerade im Kindes- und Jugendalter so wichtig?
Prof. Dr. med. Dr. Christine Joisten:
Bewegung ist in dieser Lebensphase weit mehr als sportliche Freizeitgestaltung. Sie ist ein zentraler Entwicklungsreiz und unterstützt das Herz-Kreislauf-System, die Knochengesundheit, die motorische, emotionale und psychosoziale Entwicklung sowie die Stoffwechselregulation. Zugleich ist körperliche Aktivität mit psychischem Wohlbefinden, weniger depressiven Symptomen und günstigen kognitiven Funktionen wie Aufmerksamkeit und exekutiver Kontrolle verbunden.
Welche Entwicklungen beobachten Sie aktuell bei Kindern und Jugendlichen in Bezug auf Bewegung und Gesundheit?
Prof. Dr. med. Dr. Christine Joisten:
Leider erreichen heutzutage viele Kinder und Jugendliche die Bewegungsempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation von durchschnittlich 60 Minuten moderater bis intensiver körperlicher Aktivität pro Tag nicht. Die deutsche HBSC-Erhebung 2022 zeigt, dass nur 10,8 Prozent der Mädchen beziehungsweise 20,9 Prozent der Jungen diese Empfehlung erfüllen.
Dabei zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede: Bei Mädchen nahm das Bewegungsverhalten seit 2009/10 leicht ab, bei Jungen blieb es eher stabil. Außerdem sind Jugendliche aus weniger wohlhabenden Familien häufiger inaktiv und haben ein erhöhtes Adipositasrisiko. Entscheidend sind daher auch soziale Lage, sichere Bewegungsräume, Kosten, Mobilität, Vereinszugang und schulische Rahmenbedingungen.
Viele Kinder bewegen sich heute weniger als früher. Welche Folgen hat das für ihre Gesundheit?
Prof. Dr. med. Dr. Christine Joisten:
Meist schaut man bei Bewegungsmangel und vermehrter Sitzzeit zunächst auf das Körpergewicht. Parallel zeigen sich jedoch auch eine geringere Ausdauer- und Muskel-Fitness, eine ungünstigere kardiometabolische Gesundheit, eine schwächere Knochenentwicklung, schlechterer Schlaf und eine geringere psychische Gesundheit.
Dabei ist insbesondere eine hohe Bildschirmzeit mit ungünstigen Gesundheitsindikatoren verbunden – stärker als andere sitzende Tätigkeiten wie Lesen oder Hausaufgaben.
Welche positiven Effekte regelmäßiger Bewegung sind wissenschaftlich besonders gut belegt?
Prof. Dr. med. Dr. Christine Joisten:
Besonders gut belegt sind Effekte auf die kardiorespiratorische Fitness, Muskelkraft, Knochengesundheit, den Blutdruck, Insulin- und Stoffwechselmarker sowie die Körperzusammensetzung. Auch motorische Fähigkeiten und Fertigkeiten profitieren, was wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Kinder Bewegung als selbstwirksam und positiv erleben.
Darüber hinaus gibt es Evidenz für Zusammenhänge mit einer besseren psychischen Gesundheit – insbesondere weniger depressiven Symptomen – sowie mit kognitiven und schulbezogenen Outcomes.
Wie viel Bewegung sollten Kinder und Jugendliche idealerweise pro Tag bekommen?
Prof. Dr. med. Dr. Christine Joisten:
Für 5- bis 17-Jährige empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation durchschnittlich mindestens 60 Minuten moderate bis intensive körperliche Aktivität pro Tag, überwiegend aerob. Zusätzlich sollten an mindestens drei Tagen pro Woche intensive Aktivitäten sowie muskel- und knochenstärkende Aktivitäten stattfinden.
Das Wort „durchschnittlich“ ist dabei pädagogisch wichtig: Es geht nicht darum, dass jeder einzelne Tag perfekt ist, sondern dass die Woche insgesamt aktiv gestaltet wird. Außerdem sollten lange Sitzzeiten reduziert und regelmäßig unterbrochen werden.
Für viele Familien ist der einfachste Einstieg nicht ein neues Sportprogramm, sondern mehr Alltagsbewegung – beispielsweise auf dem Schulweg, durch Treppensteigen, Spielplatzbesuche, Radfahren, Zeit im Freien und gemeinsame aktive Routinen.
Welche Rolle spielen Schule und Sportunterricht bei der Gesundheitsförderung?
Prof. Dr. med. Dr. Christine Joisten:
Schulen – ebenso wie Kindergärten oder Hochschulen – sind wichtige Hebel der Gesundheitsförderung, weil sie nahezu alle Kinder und Jugendlichen erreichen, unabhängig von sozialer Lage, Familienkultur oder Vereinsmitgliedschaft.
Ein guter Sportunterricht beziehungsweise attraktive Bewegungsangebote sind dabei zentral, reichen allein jedoch nicht aus. Besonders wirksam ist eine bewegungsfreundliche Schule mit aktiven Pausen, bewegtem Unterricht, sicheren Schulwegen, bewegungsfreundlichen Schulhöfen, Nachmittagsangeboten und Kooperationen mit Sportvereinen oder kommunalen Partnern.
Eine große systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse zu schulbasierten Interventionen zeigte insgesamt kleine positive Effekte auf die körperliche Aktivität. Größere Effekte fanden sich während der Schulzeit sowie bei Programmen mit geschultem Personal oder externen Fachkräften, Elternbeteiligung und einer theoretischen Grundlage zur Verhaltensänderung.
Daraus folgt: Schule kann viel bewegen – braucht dafür jedoch Qualität, Zeit, Personal und eine strukturelle Verankerung.
Was können Eltern konkret tun, um mehr Bewegung in den Familienalltag zu integrieren?
Prof. Dr. med. Dr. Christine Joisten:
Eltern sollten Bewegung möglichst niedrigschwellig und positiv in den Alltag integrieren – beispielsweise durch Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad, gemeinsame Spiel- und Draußenzeiten, aktive Wochenendrituale, Treppen statt Aufzug oder kleine Bewegungsinseln zwischen sitzenden Tätigkeiten.
Entscheidend ist nicht Perfektion, sondern Regelmäßigkeit.
Die Forschung zeigt, dass positive elterliche Unterstützung mit einem höheren Aktivitätsniveau von Kindern und Jugendlichen zusammenhängt. Dazu zählen Ermutigung, gemeinsames Mitmachen, Unterstützung bei Bewegungsgelegenheiten, Lob und eine glaubwürdige Vorbildrolle. Druck, Strafe oder Beschämung sind dagegen keine geeigneten Strategien. Bewegung sollte nicht als Pflichtprogramm, sondern als freudvolle gemeinsame Normalität erlebt werden.
Digitale Medien nehmen im Alltag vieler Kinder einen großen Raum ein. Sind Smartphone und Bewegung zwangsläufig Gegensätze?
Prof. Dr. med. Dr. Christine Joisten:
Nein. Digitale Medien und Bewegung sind nicht zwangsläufig Gegensätze. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Bildschirmzeit Bewegung, Schlaf, Zeit im Freien, soziale Aktivitäten oder unverplante Spielzeit verdrängt.
Gleichzeitig können digitale Anwendungen Bewegung fördern – beispielsweise durch Schrittziele, aktive Spiele, Bewegungs-Challenges, Familienvereinbarungen oder Feedbacksysteme. Auch smartphonebasierte Interventionen können die Gesamtaktivität und Schrittzahl von Kindern und Jugendlichen erhöhen. Die Effekte sind jedoch nicht automatisch nachhaltig und hängen stark von Qualität, Dauer, Motivation und der Einbettung in reale Lebenswelten ab.
Das Smartphone ist also weder der Feind noch die Lösung – entscheidend ist, ob es Bewegung ersetzt oder unterstützt.
Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen für die Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen?
Prof. Dr. med. Dr. Christine Joisten:
Die größte Herausforderung besteht darin, Bewegung nicht nur als individuelle Entscheidung zu behandeln. Kinder brauchen sichere Wege, erreichbare und attraktive Sport- und Spielräume, ausreichend Zeit, motivierende Angebote, qualifiziertes Personal und soziale Unterstützung.
Wer Bewegung fördern will, muss den Alltag von Kindern verändern – nicht nur Appelle formulieren.
Besonders wichtig sind soziale Ungleichheiten, Geschlechterunterschiede, die Abnahme körperlicher Aktivität mit zunehmendem Alter, der Zugang zu Vereinen und Bewegungsräumen, Ausfall oder geringe Qualität des Sportunterrichts, lange Sitzzeiten, Schlafmangel sowie die Inklusion von Kindern mit Behinderung, chronischen Erkrankungen oder geringem Familieneinkommen.
Gesundheitsförderung muss deshalb verhältnis- und verhaltenspräventiv zugleich sein.
Welche Rolle kann körperliche Aktivität in der Prävention spielen, bevor überhaupt Krankheiten entstehen?
Prof. Dr. med. Dr. Christine Joisten:
Körperliche Aktivität ist eine zentrale Ressource der Primärprävention. Im Kindes- und Jugendalter geht es nicht nur darum, spätere Erkrankungen zu vermeiden, sondern Schutzfaktoren aufzubauen: Fitness, Muskelkraft, Stoffwechselregulation, stabile Knochen, psychisches Wohlbefinden, soziale Teilhabe, motorische Sicherheit und eine positive Bewegungsbiografie.
Der Ansatz Exercise is Medicine passt hier sehr gut. Bewegung wird nicht als Nebenthema verstanden, sondern als integraler Bestandteil von Gesundheitserhalt, Prävention, Therapie und Rehabilitation. Für Kinder und Jugendliche bedeutet das: Bewegung sollte früh selbstverständlich, freudvoll sowie medizinisch und pädagogisch ernst genommen werden.
Was wünschen Sie sich von Politik, Bildungssystem und Gesundheitswesen, um Bewegung stärker zu fördern?
Prof. Dr. med. Dr. Christine Joisten:
Wünschenswert ist eine ressortübergreifende Strategie. Politik, Stadtplanung, Verkehr, Schule, Sport, Jugendhilfe und Gesundheitswesen sollten gemeinsame Ziele verfolgen: sichere Fuß- und Radwege, bewegungsfreundliche Schulhöfe, qualitativ hochwertigen Sportunterricht, tägliche Bewegungszeiten, niedrigschwellige Vereins- und Freizeitangebote sowie finanzielle Unterstützung für Familien mit geringem Einkommen.
Im Gesundheitswesen sollte körperliche Aktivität regelhaft angesprochen werden – nicht moralisierend, sondern beratend und ressourcenorientiert, beispielsweise über das „Rezept für Bewegung“. Ärztinnen und Ärzte könnten Bewegung als relevanten Gesundheitsparameter erfassen, beraten und bei Bedarf in wohnortnahe, qualitätsgesicherte Angebote vermitteln. Genau an dieser Schnittstelle setzt Exercise is Medicine an.
Wenn Sie Eltern eine einzige Empfehlung mit auf den Weg geben könnten – welche wäre das?
Prof. Dr. med. Dr. Christine Joisten:
Machen Sie Bewegung so selbstverständlich wie Zähneputzen – aber mit Freude statt Druck.
Kinder müssen nicht jeden Tag trainieren. Sie sollten jedoch täglich Gelegenheiten bekommen, sich zu bewegen, draußen zu sein, zu spielen, Wege aktiv zurückzulegen und Erwachsene zu erleben, die Bewegung selbst vorleben.
Die beste einzelne Empfehlung lautet: Schaffen Sie jeden Tag eine verlässliche, freudvolle Bewegungsroutine – klein genug, dass sie realistisch ist, und schön genug, dass Ihr Kind sie gerne wiederholen möchte.
„Der Mensch ist für Bewegung gebaut“
Interview mit Prof. Dr. Wilhelm Bloch, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) und Vorsitzender von Exercise is Medicine Deutschland
Körperliche Aktivität ist weit mehr als Freizeitbeschäftigung – sie ist ein zentraler Bestandteil von Prävention und Therapie.
Prof. Dr. med. Wilhelm Bloch ist Prorektor für Ressourcen und nachhaltige Entwicklung der Deutschen Sporthochschule Köln, Leiter der Abteilung Molekulare und Zelluläre Sportmedizin am Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin, Vorsitzender von Exercise is Medicine Deutschland sowie Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP). Im Interview erläutert er, warum Bewegung als „Medizin“ verstanden werden sollte und welche Rolle körperliche Aktivität für Prävention, Therapie und Rehabilitation spielt.
Herr Professor Bloch, vielleicht starten wir ganz niedrigschwellig: Was bedeutet Exercise is Medicine eigentlich?
Prof. Dr. Wilhelm Bloch: Der Slogan sagt es eigentlich schon aus: Körperliche Aktivität und Sport können Medizin sein – oder sind Medizin.
Warum ist körperliche Aktivität aus medizinischer Sicht so wichtig?
Prof. Dr. Wilhelm Bloch: Weil der Mensch dafür gebaut ist. Unser Organismus ist auf Aktivität ausgelegt und braucht regelmäßig körperliche Bewegung, um seine Funktionen optimal aufrechtzuerhalten.
Viele Menschen unterschätzen Bewegung im Alltag. Welche gesundheitlichen Effekte sind wissenschaftlich besonders gut belegt?
Prof. Dr. Wilhelm Bloch: Es gibt eine ganze Reihe gut belegter Effekte körperlicher Aktivität. Besonders deutlich zeigt sich ihre Bedeutung für das Herz-Kreislauf-System. Das Herz braucht regelmäßig die richtige Belastung – und diese entsteht durch Bewegung.
Ein weiterer wichtiger Bereich sind Stoffwechselerkrankungen. Hier besteht häufig ein Ungleichgewicht zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch. Körperliche Aktivität erhöht den Energieverbrauch und trägt dazu bei, die Stoffwechselfunktionen des Körpers optimal aufrechtzuerhalten.
In welchen Bereichen der Medizin spielt Bewegung inzwischen eine besonders große Rolle?
Prof. Dr. Wilhelm Bloch: Natürlich denken wir zunächst an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Stoffwechselerkrankungen beziehungsweise endokrine Erkrankungen. Aber wir erkennen zunehmend, dass körperliche Aktivität weit darüber hinaus für die Gesundheitserhaltung und auch für die Wiederherstellung von Gesundheit von zentraler Bedeutung ist.
Dazu gehören beispielsweise neurologische Erkrankungen. Unser Gehirn muss fit bleiben – und es bleibt besser fit in einem gesunden und aktiven Körper. Bewegung kann dazu beitragen, einer Demenz vorzubeugen beziehungsweise ihren Verlauf zu verlangsamen.
Darüber hinaus beschäftigen wir uns zunehmend mit der Frage, welche Rolle körperliche Aktivität bei Krebserkrankungen spielt. Hier zeigt sich, dass Sport nicht nur die Lebensqualität und körperliche Funktion verbessern kann, sondern möglicherweise sogar therapeutische Effekte besitzt.
Wir lernen immer mehr, dass körperliche Aktivität in nahezu allen Bereichen des Körpers und bei sehr vielen Erkrankungen eine wichtige Rolle spielt.
Sie beschäftigen sich intensiv mit Onkologie und Bewegung. Welche Bedeutung hat körperliche Aktivität bei Krebserkrankungen?
Prof. Dr. Wilhelm Bloch: In den vergangenen Jahren wurde zunehmend deutlich, dass Krebserkrankungen durch körperliche Aktivität beeinflusst werden können.
Zum einen hilft Bewegung dabei, die allgemeinen Funktionen des Körpers während einer Krebserkrankung und insbesondere während der Therapie besser zu erhalten. Eine solche Erkrankung stellt für den Organismus eine enorme Belastung dar. Deshalb braucht der Körper Maßnahmen, die ihn wieder aufbauen.
Muskelabbau ist beispielsweise eine häufige Begleiterscheinung vieler Krebserkrankungen. Hier stellt körperliche Aktivität eine wichtige Gegenmaßnahme dar.
Darüber hinaus lernen wir immer mehr über das Wechselspiel zwischen Muskulatur und Tumorgewebe. Es gibt einen sogenannten „Crosstalk“ zwischen Muskel und Tumor. Aus der Muskulatur werden Stoffe freigesetzt, die möglicherweise dazu beitragen können, das Tumorwachstum zu beeinflussen beziehungsweise zu bremsen.
Warum wird Bewegung im Gesundheitssystem noch nicht konsequent wie ein Medikament eingesetzt?
Prof. Dr. Wilhelm Bloch: Wahrscheinlich gerade deshalb, weil sie so einfach verfügbar ist. Körperliche Aktivität kann grundsätzlich jeder ausüben. Manchmal übersieht man die Dinge, die am einfachsten sind.
Körperliche Aktivität ist gewissermaßen eine Multipille, die ohne großen finanziellen Aufwand verfügbar ist. Andere Medikamente kosten Geld und lassen sich besser vermarkten. Ich glaube, manchmal denken wir zu wenig an das Naheliegende. Gleichzeitig beobachten wir aber, dass die Aufmerksamkeit für dieses Thema zunimmt.
Was müsste sich ändern, damit Bewegung stärker in die medizinische Versorgung integriert wird – auch politisch betrachtet?
Prof. Dr. Wilhelm Bloch: Bewegungsförderung müsste deutlich stärker in den Vordergrund rücken. Wir müssen die positiven Effekte körperlicher Aktivität noch sichtbarer machen.
Deshalb brauchen wir Kampagnen wie Exercise is Medicine. Sie schaffen Bewusstsein und machen das Naheliegende sichtbar.
Darüber hinaus müssen wir unsere Umwelt so gestalten, dass sie Bewegung fördert. Das betrifft beispielsweise die Stadtplanung. Eine aktive Stadt mit entsprechenden Angeboten kann viel bewirken.
Das gilt für alle Altersgruppen. Besonders wichtig erscheint mir der schulische Bereich. Körperliche Aktivität wird dort häufig nachrangig behandelt. Dabei wissen wir, dass Menschen besser lernen, wenn sie körperlich aktiv sind. Bewegung sollte deshalb viel stärker in den Schulalltag integriert werden.
Was sind die zentralen Ziele von Exercise is Medicine Deutschland?
Prof. Dr. Wilhelm Bloch: Die zentralen Ziele bestehen darin, die positiven Effekte körperlicher Aktivität und des Sports zu vermitteln und deutlich zu machen, dass Bewegung tatsächlich wie Medizin wirken kann.
Wenn wir heute über gesundes Altern und ein langes gesundes Leben sprechen, dann gehört körperliche Aktivität zwingend dazu. Die Aufgabe von Exercise is Medicine besteht darin, wissenschaftliche Erkenntnisse aus Medizin und Sportwissenschaft in die Gesellschaft zu übertragen.
Man könnte sagen: Exercise is Medicine ist der Versuch, die Erkenntnisse der Sportmedizin in die breite Bevölkerung zu tragen.
Welche Rolle spielen dabei Ärztinnen und Ärzte, Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler sowie Bewegungsexpertinnen und Bewegungsexperten?
Prof. Dr. Wilhelm Bloch: Sie spielen eine zentrale Rolle. Menschen orientieren sich an Expertinnen und Experten.
Wir wissen beispielsweise, dass die Empfehlung eines Arztes oder einer Ärztin, körperlich aktiv zu sein, eine besonders hohe Wirkung entfaltet. Wenn dieselbe Botschaft von anderer Seite kommt, verpufft sie möglicherweise eher.
Wenn Expertinnen und Experten die Bedeutung körperlicher Aktivität vermitteln und erklären, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen diese Empfehlungen auch umsetzen.
Gibt es internationale Vorbilder, von denen Deutschland lernen kann?
Prof. Dr. Wilhelm Bloch: Ja, durchaus. Besonders die skandinavischen Länder sind in vielen Bereichen weiter. Dort wurde das Umfeld deutlich bewegungsfreundlicher gestaltet und körperliche Aktivität stärker in den Alltag integriert.
Ich war beispielsweise in Finnland und habe gesehen, wie selbstverständlich dort Bewegungs- und Sportangebote verfügbar sind. Auch Städte werden stärker aus der Perspektive aktiver Mobilität gedacht.
Hier können wir sicherlich noch viel lernen.
Was würden Sie Menschen empfehlen, die aktuell noch keinen aktiven Lebensstil haben?
Prof. Dr. Wilhelm Bloch: Wer bislang keinen aktiven Lebensstil hat, hat möglicherweise noch nicht den passenden Zugang gefunden. Deshalb würde ich empfehlen, sich dem Thema in kleinen Schritten zu nähern.
Wichtig ist vor allem, nichts zu erzwingen. Körperliche Aktivität sollte den eigenen Interessen und Vorlieben entsprechen. Wer nicht gerne Fahrrad fährt, kann laufen. Wer nicht gerne läuft, kann Fahrrad fahren. Andere gehen lieber schwimmen, wandern oder tanzen.
Entscheidend ist, etwas zu finden, das Freude bereitet. Wer Spaß an einer Aktivität hat, bleibt langfristig dabei.
Wenn Sie sich für die Zukunft des Gesundheitswesens eine Sache wünschen könnten – welche wäre das?
Prof. Dr. Wilhelm Bloch: Ich würde mir wünschen, dass körperliche Aktivität noch stärker in den Mittelpunkt rückt und im Gesundheitswesen klarer als zentraler Baustein von Gesundheit verstanden wird.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir uns mit vielen Problemen beschäftigen, aber zu wenig damit, wie körperliche Aktivität systematisch für Prävention, Therapie und Rehabilitation genutzt werden kann.
Vielen Dank für das Gespräch.
Prof. Dr. Wilhelm Bloch: Sehr gerne.








